germanyC

 

Baobab_rgb2
burkinaC1
Titel

Wenn junge Schülerinnen aus einem Dorf verschwinden

Yonli Bapougouni bemerkte sofort beim Betreten des Klassenzimmers, dass etwas nicht stimmte. Seine 33 Schülerinnen und Schüler waren ungewöhnlich still und ihre Augen weit aufgerissen. Vor allem war die vorderste Bank in der 4. Grundschulkasse leer. Der Lehrer wollte die Schüler aufrufen, als er unterbrochen wurde: »Herr Lehrer, sehen sie nicht, dass Taladi fehlt?« rief ein junges Mädchen. »Doch, das sehe ich, wo ist sie denn? «fragte der Lehrer zurück. »Sie wurde heute Nacht entführt.«

Heute, am 16. Mai 2016, sind zwei Wochen vergangen, seit Taladi Combary, 14 Jahre alt, verschwunden ist. In ihrem Dorf Potiamanga, nur 10 km von Fada N'Gourma, der Hauptstadt der Region Osten, entfernt, ist ihr Verschwinden allerdings nichts Taladi1Außergewöhnliches. Alle wissen, dass Taladi das Opfer eines der üblichen Mädchenraube geworden ist.

»Bei diesem Vorgehen werden jungfräuliche Mädchen ihrer Familie weggenommen und dann geschwängert, um eine Hochzeit zu erzwingen« erklärt Kamimana Singbeogo, Provinzdirektor für das Schulwesen und die Alphabetisierung in Fada N'Gourma. »Es ist ein barbarischer Akt mit schrecklichen psychologischen, körperlichen und sozialen Folgenfür die Betroffenen.«

Schülerinnen sind die häufigsten Opfer der Entführungen

Die Opfer werden über Wochen, Monate oder gar Jahre in Gefangenschaft gehalten und von ihrem Entführer vergewaltigt. »Wenn er sich endlich entschließt, das Mädchen seinen Eltern zurückzugeben, lehnen diese die Rückkehr aus Scham ab,« erklärt Direktor Singbeogo weiter. »Das entführte Mädchen hat seine Jungfernschaft verloren und wird keinen Ehemann mehr finden. Um die Ehre der Familie zu retten, stimmen sie einer Heirat mit dem Entführer zu. Das Mädchen wird Mutter und verlässt die Schule, manchmal sieht man sie nie wieder«.

Mädchenraub ist in Burkina Faso eine uralte Praxis, die vor allem in ländlichen Regionen stattfindet. In den Jahren 2014-2015 wurden allein in der Region Gourma 16 Fälle registriert. »Diese Tradition ist vor allem hei den Volksstämmen der Mossi und Gourmantché im Osten des Landes noch sehr verbreitet, aber man findet sie auch in anderen Regionen und bei anderen Stämmen« fügt Direktor Singbeogo hinzu. Sie wird vielfach von jungen Männern, die schon über zwanzig und wenig gebildet sind, in Anspruch genommen. »Sie sind gegen die Ausbildung von Mädchen. Sie haben Angst, dass sie dadurch unabhängig werden, denn in den ländlichen Gegenden reimt sich Schule auf Emanzipation. Wenn ihre zukünftigen Ehefrauen auf die Schule gehen, könnten sie sie wohl nicht mehr so unterdrücken«.

Taladi wurde nach dem Schulunterricht vom Vetter ihres Vaters entführt. Er heißt Ahadi Combary und ist um die 50 Jahre alt. Mit einem Komplizen, der ebenfalls zur Familie gehört, hat er dem Mädchen aufgelauert. Nach Einbruch der Nacht, als Taladi das Haus verließ, um sich zu erleichtern, sind sie über sie hergefallen, Ahadi hat sie hinten auf sein Motorrad gesetzt und ist über die Felder losgefahren. Der Vater von Taladi war mit Pflügen beschäftigt und konnte nichts machen.

Von Selbstvorwürfen geplagt, verbirgt er sich im Schatten eines Baumes. Koagdia Combary ist ungefähr 60 Jahre alt, ein ehrlicher Mann mit staubigem Gesicht und durchlöchertem Hemd. Sein Körper schwankt etwas, aber er steht dennoch würdevoll aufrecht.

Es ist das zweite Mal, dass eine seiner Töchter entführt wird, aber diesmal waren es Mitglieder seiner eigenen Familie.

»Wenn man dich als Nichtsnutz einschätzt, dann glaubt man, dir alles Böse antun zu können - es ist erbärmlich« fügt Koagdia Combary wutentbrannt hinzu, mit Blick auf die zwei Brüder des Entführers, die trotzdem zu seinen Gunsten ausgesagt haben.

Unbestrafte Täter

Die Entführer nehmen sich oft die ärmsten Familien vor, Familien, die kein Geld haben, um sie gerichtlich verfolgen zu lassen und keine Kraft mehr, um sich körperlich zur Wehr zu setzen. Von den sechs Kindern von Vater Koagdia ist nur einer ein Junge, der seine Schwester hätte beschützen können. Aber er ist ein zarter und furchtsamer Jüngling, der sich hinter dem Baum versteckt.»Es kommt oft vor, dass die Entführer dem Opfer nahe stehen« erklärt Direktor Singbeogo, »Es sind Dorfbewohner, Menschen aus dem Nachbardorf, oder sogar, wie in diesem Fall, Verwandte«. Diassibo und Dapoudi Combary, 32 und 47 Jahre alt, sind die jüngeren Brüder des Entführers. Sie sind mit betretenem Gesichtsausdruck gekommen, um für das Vorgehen ihres älteren Bruders um Entschuldigung zu bitten. Es ist nicht das erste Mal, dass Ahadi so etwas macht. Vor einigen Jahren hatte er schon einmal ein Mädchen aus Fada N'Gourma entführt, aber damals konnten sie ihn überzeugen, sie schnTaladi2ell wieder freizulassen.

Diesmal allerdings scheint Ahadi zu allem entschlossen. Sie haben ihn in seiner Hütte, in die er sich zurückgezogen hatte, aufgesucht und es hat sofort Streit gegeben. Ahadi hat seinen Brüdern mit dem Tod gedroht, wenn sie ihm das Mädchen wegnähmen. Dazu sagen die beiden: »Wir wollten das Risiko nicht eingehen. Auch wir haben Frauen und Kinder.« Inzwischen hat Ahadi sein Versteck gewechselt und niemand weiß, wohin er Taladi gebracht hat.

Sein Haus hat er seit zwei Wochen verlassen. Ein würfelförmiger Ziegelsteinbau, nur 50 m von der Schule entfernt, »fast noch auf dem Schulgelände« erklärt uns Dominique Ouoba, der Schuldirektor. Die Mutter des Entführers und seine beiden Töchter leben noch dort. Seine Frau liegt schwanger im Krankenhaus und kümmert sich um den kranken Sohn. Die Ermittler haben herausgefunden, dass sie wusste, dass ihr Mann Taladi nachstellte; er hatte sie auch schon mal nach Hause mitgebracht. Aber die Frau konnte nichts sagen, da sie »Angst hatte, dass die Nachbarn das als Eifersüchtelei abtun würden« erklärt uns Schuldirektor Ouoba. In einem Umfeld, in dem Männer mehrere Ehefrauen haben, macht es sich nicht gut, eine weitere Nebengattin, auch wenn sie noch sehr jung ist, abzulehnen.

Mit dem Entführer verheiratet

In 20 km Entfernung, im Dorf Noirangu, haben zwei Mädchen ihre Freiheit wiedergefunden. Samira, 14, und Farida, 15 Jahre alt, wurden letztes Jahr entführt - nach demselben Schema. Zwei Männer mit Motorrädern haben sie überfallen, als die eine zum Brunnen ging und die andere zur Schule. Sie wehrten sich und sie schrien, aber es war zwecklos. »Die Frauen waren auf dem Markt und die Männer auf den Feldern« sagt uns Samira mit erstickter Stimme: »Niemand hat uns gehört«.

Sie war 4 Monate in einer Kammer eingeschlossen. »Er sagte mir, dass er mich zu seiner Frau machen will. Ich habe abgelehnt, aber er hat darauf bestanden, ohne mich zu schlagen« erzählt uns Samira; aus Scham verschweigt sie die Vergewaltigungen. Mehrfach versuchte sie zu fliehen, aber in der fremden Umgebung kannte sie sich nicht aus und wurde immer wieder eingefangen. Nachdem sie schwanger geworden war, hat sie der Entführer freigelassen. »Mein Vater war sehr böse auf ihn und auch auf mich. Meine Mutter wollte mich wieder zur Schule schicken. Ich wollte das auch, aber ich konnte nicht. Ich hatte Angst, dass Taladi3mich meine Schulkameraden hänseln. Ich schämte mich«.

Farida verbrachte 6 Monate in Gefangenschaft. Sie kannte ihren Entführer vom Sehen. »Ein Junge aus dem Dorf, der nie mit mir gesprochen hatte« sagt sie uns. Nachdem sie freigelassen wurde, ist auch sie nicht wieder zur Schule gegangen. Ihre Eltern haben die Lage stillschweigend auf sich genommen, um, wie der Vater sagt: »die Harmonie in der Gemeinschaft nicht zu stören«. Er folgte damit einem Beschluss der Weisen im Dorfe, die ihn aufforderten, zu schweigen und die Heirat im Tausch gegen 70 000 Francs CFA (106 Euro) zu akzeptieren.

»Ich konnte doch nichts anderes tun, sonst hätte ich alles verloren« beklagt er sich. »Meine Tochter hätte niemals einen Mann bekommen, wir wären als Ehrlose von der Bevölkerung verachtet worden und hätten das Dorf verlassen müssen.... Ich bin wütend auf die Leute. Sie haben mir meine einzige Tochter, die zur Schule ging, weggenommen. Sie haben ihr ihre Jugend gestohlen und uns unsere Zukunft«.

Er schwört, dass er gegen die Entführer »einen echten Krieg geführt hat«. Sie wurden schließlich von der Gendarmerie verhaftet, zu einigen Monaten Gefängnis verurteilt und wieder freigelassen. »Die Gesetze gegen den Mädchenraub sehen keine hohen Strafen vor« stellt Direktor Singbeogo fest.

Die Vereinbarungen und Strafen werden in den ländlichen Regionen meistens zwischen den Familien ausgehandelt, da die Richter fürchten, alteingesessene Traditionen zu verletzen. Zum Abschluss erklärt er: »Man ist hier der Auffassung, dass Gesetze das soziale Gefüge stören«.

Heute sind Samira und Farida Mütter. Sie haben ihre Familien verlassen und leben mit ihren Ehemännern. Die sind Analphabeten, für die sie alles tun müssen, sogar die Telefonnummern ins Handy eintippen.

Wir wollten Samira und Farida zu Hause besuchen. Farida schweigt beklommen und Samira dreht das Gesicht weg. Für beide ist das Risiko zu groß.

Matteo Maillard in Le Monde vom 19.08.161 Übersetzung. T.V. Berger

 Start   Aktuelles   Newsletters   Netzwerk   Adressen   Reisetipps   Information   INFO 1/17   INFO 2/16   INFO 1/16   INFO 2/15   INFO 1/15   INFO 2/14   INFO 1/14   INFO 2/13   Impfungen   Links   Satzung   Beitritt   Impressum