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Titel

Gegen den Teufel

Ein Freiburger Chirurg hat zusammen mit Kollegen in Burkina Faso eine Klinik gebaut, die inzwischen in ganz Afrika als Vorbild gilt -und das nicht nur wegen ihrer ungewöhnlichen Architektur.

Den Tag der Deutschen Einheit wird Bernhard Rumstadt fernab der Heimat verbringen, weit weg von Freiburg, schließlich ist es eine seltene Gelegenheit, sich für ein verlängertes Wochenende aus den Verpflichtungen des Alltags auszuklinken, sagt er. Und in Leo, einer Stadt in Burkina Faso, Westafrika, wartet Großes auf ihn: sein Herzensprojekt.

Das Projekt hat inzwischen ziemlich konkrete Formen angenommen, ganz andere, als er einmal geträumt hätte. Die Pläne, die Bernhard Rumstadt, heute Chefarzt der Chirurgie am Diakonie-Krankenhaus Freiburg, einst zu schmieden begann, hatten zum Beispiel zunächst eher wenig mit Christoph Schlingensief zu tun.

Am Anfang war ein Traum, wie ihn viele Mediziner haben: helfen, wo die Hilfe für viele Menschen unbezahlbar ist und umso drin-gender gebraucht wird, in Afrika. „Dieses Albert-Schweitzer-Ideal haben ja noch heute viele Studenten", sagt Rumstadt, „aber es ist im Rahmen einer Arztlaufbahn in Deutschland gar nicht unbedingt leicht umzusetzen." Klar, es gab Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen", aber die setzen voraus, dass man mehrere Monate am Stück am Einsatzort bleibt. „Das ist im Rahmen von deren Arbeit auch sehr verständlich", sagt Rumstadt, aber er wollte seine Abteilung, damals noch an einer Klinik in Mannheim, nicht zu lange zurücklassen. Und dachte sich: Es muss doch trotzdem Möglichkeiten geben, als Arzt aus Europa in Afrika zu helfen. Wenn es dafür keine schon bestehenden Strukturen gibtRumstadt, dann muss man eben selbst welche schaffen. Rumstadt also gründete mit mehreren Kollegen den Verein „Operieren in Afrika e.V.". Über einen Bekannten nahmen sie Kontakt zu einer staatlichen Klinik in Burkina Faso auf und flogen von da an einmal im Jahr dort hin, um das zu bieten, woran es im Gesundheitssystem besonders mangelte: chirurgische Eingriffe.

Wie groß der Bedarf war, erlebten die deutschen Ärzte schon beim ersten Besuch 2001. Da hatten sich fast 400 Patienten auf die Warteliste eingetragen. Die Beschwerden, unter denen sie litten, waren großenteils Routinefälle aus deutscher Sicht - doch die Patienten in Burkina Faso, das wie die allermeisten afrikanischen Staaten keine flächendeckende Krankenversicherung hat, schleppten sich seit Monaten oder gar Jahren damit herum, weil sie sich eine Operation nicht leisten konnten. Blasensteine, Gebärmuttersenkungen, Prostata-Vergrößerungen, Fisteln. Und Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, eine Fehlbildung, die in Burkina Faso für Kinder oft ein Todesurteil bedeuten kann, weil sie deswegen als Kinder des Teufels gelten. Im besseren Fall werden sie von ihren Eltern über Jahre zu Hause versteckt. „Dabei ist so etwas binnen einer Stunde korrigierbar", sagt Rumstadt.

Das erste Kind, das er operierte, ist ihm bis heute in Erinnerung: Wie glücklich die Familie, die in einem dreitägigen Fußmarsch angereist war, schließlich mit dem Jungen nach Hause ging", und wie sie ihm später berichteten, dass der Junge in ein normales Leben fand, mit Freunden, spielen, Schule. „In solchen Momenten weiß ich: Was wir tun, ist doch mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein." Ein Tropfen auf den heißen Stein, solche Einwände, ja Vorwürfe hörte er oft von eingefleischten Entwicklungshelfern, die ihm zu verstehen gaben: Wer nicht jahrelang selbst in Afrika lebt, kann hier nicht ernsthaft etwas ausrichten. Solche Pauschal-Aussagen ärgern ihn noch immer. Weil sie oft vor allem der eigenen Profilierung dienen, und auch, weil es nicht gerade wenige Beispiele gibt für gut gemeinte und langfristig an-gelegte Entwicklungsprojekte, die dennoch gescheitert sind.

Freilich stießen Rumstadt und seine Mitstreiter mit der Zeit immer wieder auf Hindernisse. Der Verein hatte zwar inzwischen durchaus langfristige Strukturen aufgebaut man hatte Farmland gekauft, dort unter anderem eine Geburtshilfe¬station und eine Schule errichtet. Doch im Kerngeschäft, dem Ope¬rieren, hatten die Ärzte oft das Ge¬fühl, beinahe wieder von vorn an-fangen zu müssen. Das Personal in dem staatlichen Krankenhaus, in dem sie einmal im Jahr gastierten, wechselte häufig, man musste Be¬ziehungen neu aufbauen, Material erneut heranschaffen, weil es über die Monate verschwunden oder kaputtgegangen war. Und dann die Begegnungen mit der burkini-schen Bürokratie. Im Jahr 2011, es war gerade ein neues Gesetz in Kraft getreten, demzufolge jede ausländische Hilfsorganisation sich völlig neu akkreditieren musste, entgegne-te der neue Leiter der Klinik den gerade angekommenen deutschen Ärzten: Nein, es komme gar nicht in Frage, dass sie jetzt in seinem Krankenhaus operieren. Er drohte ihnen mit Polizei und Gefängnis, sie gingen ins Gesundheitsminis¬terium, wo ihnen die Beamten vorschlugen, einen Antragsbrief zu verfassen, zum Beispiel in ei¬nem der Internetcafes gleich in der Nähe. Acht Tage ging es hin und her, schließlich reisten Rumstadt und seine Kollegen wieder ab, lie¬ßen knapp 200 Patienten, die auf eine Operation gewartet hatten, unverrichteter Dinge zurück. „Auf dem Heimflug dachte ich: Das war's", sagt Rumstadt. Doch in den folgenden Wochen fragte er sich: Sollen wir wirklich die Leute vor Ort zurücklassen?

Alles, was wir über die Jahre aufgebaut haben, einfach über Bord werfen? Und entschied, einen Gedanken endlich umzusetzen, der schon lange in ihm gearbeitet hatte: eine eigene Klinik. Schon, um das ganze Jahr über eine Grundversorgung bieten zu können, mit einheimischem Personal, nicht nur während der kurzen Besuche aus Deutschland. Als Rumstadt beim nächsten Mal im Gesundheitsministerium vorsprach, war der Ton dort wesentlich versöhnlicher; es habe sich beim letzten Mal um eine Art Missverständnis gehandelt. Der Verein bekam die Genehmigung, ein Krankenhaus zu bauen. Und als Architekten gewann Rumstadt denjenigen, der schon zusammen mit dem Regisseur Christoph Schlingensief dessen Idee eines „Operndorfs für Afrika" verwirklicht hatte: den Berliner Diébédo Francis Kéré, geboren in Burkina Faso. „Das war ein entscheidender Glücksfall für uns", sagt Rumstadt: „So entstand bei den Leuten nicht der Eindruck, dass sie etwas von außen auferlegt bekommen." Im April 2014 weihten sie die Klinik ein: einen Bau, der nebenbei auch ökologisch ein Zeichen setzt. Dank der Natursteine und der Anordnung der Dächer ist es auch ohne Klimaanlage im Inneren tagsüber bis zu acht Grad kühler als draußen, 90 Prozent des Stroms wird aus Sonnenenergie gewonnen und eine Kläranlage bereitet Wasser auf, das während der Regenzeit aufgefangen wurde. Nicht nur in der Versorgung mit Strom und Wasser soll die Klinik langfristig weitgehend unabhängig funktionieren, sondern auch finanziell. „Wie in vielen afrikanischen Ländern gibt es in Burkina Faso eine wachsende Mittelschicht", sagt Rumstadt. Wer es sich leisten kann, soll für die medizinischen Leistungen auch im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas bezahlen, während die, die es sich nicht leisten können, weiterhin gratis operiert werden. „Wenn die Klinik sich eines Tages selbst tragen kann, stärkt das ja auch das Selbstwertgefühl der Kollegen vor Ort.", sagt Rumstadt, „Niemand will doch das Gefühl haben, auf ewig zum Almosenempfänger verdammt zu sein." Seit gut fünf Monaten ist die Klinik nun in Betrieb, mit acht Angestellten, vom Pförtner bis zum einheimischen Chirurgen, der zwischen den Besuchen der Freiwilligen-Teams aus Deutschland übers Jahr die Grundversorgung an Operationen übernimmt. Und die Erwartungen der Gründer sind schon jetzt übertroffen: Fast zwei Drittel der laufenden Kosten also rund 3ooo Euro im Monat lassen sich bereits aus den Einnahmen decken, monatlich etwa 3oo zahlende Patienten sind es, die im Durchschnitt umgerechnet je etwa 10 Euro für Untersuchungen und Behandlungen dalassen, von der Ultraschall-Untersuchung bis zur Leistenbruch-OP. Am langen Wochenende um den Tag der Deutschen Einheit wird Bernhard Rumstadt sich vor Ort nicht nur einen Eindruck verschaffen, was als nächstes zu tun ist, er wird auch dem Kerngeschäft seines Vereins nachgehen: operieren, kostenlos; es haben sich schon mehrere Dutzend Patienten angemeldet. Denn das soll die Klinik bleiben: eine Plattform für Chirurgen-Teams aus Deutschland, die für mehrere Wochen im Jahr anreisen, um Bedürftigen gratis ihre Dienste anzubieten. Und nebenbei einheimische Ärzte fortzubilden.

Schon vor seiner Abreise ist Bernhard Rumstadt eines klar, das haben die ersten vier Monate seit der Einweihung gezeigt: „Es zahlt sich aus, wenn man den Menschen vor Ort, mit denen man seit längerer Zeit zusammenarbeitet, Vertrauen schenkt, auch wenn es zwischenzeitlich mal Schwierigkeiten gibt." Dann kann doch eine Eigendynamik entstehen, die das Projekt am Laufen hält. Auch ohne selbst jahrelang am Ort zu leben.

Tobias Zick in Süddeutsche Zeitungvom 30.09.2014

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