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Titel

„Pas des problèmes“ – Konfliktlösungen in Projekten

„Pas des problèmes“ – wer hat diese Aussage nicht schon von den afrikanischen Freunden und Partner gehört. „Keine Probleme – alles in Ordnung!“. Nur zu gut wissen oder ahnen wir, dass es sehr wohl Probleme gibt. Es wäre ja auch völlig unnatürlich, dass nicht. Wo Menschen arbeiten, wo es um sehr viel Geld geht, Einfluss, Interesse, Status, da gibt es Begehrlichkeiten, natürlich unterschiedliche Meinungen, auch Streit. In einer Gesellschaft, wo jedoch Konsens zum guten Ton gehört, ist es nicht üblich, Konflikte zu benennen und auszusprechen. Zumal nicht gegenüber den „Blancs“, den Weißen und damit den Geldgebern. In einer Kultur, in der hierarchisches Denken vorherrscht, in denen das Wort der Alten, der „Noblen“, der „Chefs“ viel gilt und die der Frauen und der Jungen wenig, werden Konflikt nicht benannt. Sie werden unter den Teppich gekehrt und versteckt. Nur mit viel Erfahrung im Umgang mit „afrikanischer“ Kommunikation erahnt der Fremde allenfalls die vorhandenen Konflikte.F „Pas des problèmes“ – Konfliktlösungen in Projekten 4

Dieses macht Projektarbeit nicht einfacher, sinnvolle Lösungen werden nicht ergriffen, völlig blödsinnige Vorgehensweisen und Arbeiten (von den Weißen gut gemeint und vorgeschlagen) nicht verhindert. Der Projektbetreiber merkt nur, dass es nicht vorangeht, die Projekte nicht fertig werden. Die Frage nach dem Warum wird mit blumigen und weitschweifigen Erklärungen gefüllt. Jeder, der tatsächlich vor Ort ist und nicht nur oberflächlich Geld transferiert, hat dieses schon öfter erlebt. Eine unbefriedigende Situation.

Was tun?

Nun ist es ja nicht so, dass Konflikte und deren Lösung nur in Afrika ein Thema wären. Hunderte von Beratern und Beratungsgesellschaften verdienen in der westlichen Welt gutes Geld mit Coaching, Mentoring, Teambuilding in Firmen und Organisationen. Alles gibt es: von Wildwasser-Rafting, der Herausforderung von Hochseilgärten, gemeinsamen Kochen und, und, und …, vom „Normalen“ wie Workshops und Seminaren mal ganz abgesehen. Also: Zusammenarbeit von Menschen und Gruppen und das Lösen von Aufgaben und Zielen scheinen eine Herausforderung zu sein, überall auf der Welt. Projekte scheitern selten an Geld oder den Sachproblemen, sondern an den Konflikten und den Beziehungen zwischen den Beteiligten. Dies ist zu sehen am Berliner Flughafen, der nicht fertig wird, genauso wie dem Bau einer Schule in Botou in Burkina Faso. Sprachprobleme und unterschiedliche Denkweisen verkomplizieren zusätzlich die Situation.

Zwei Beispiele

Von zwei Beispiele der letzten Zeit will ich erzählen: CEG in Botou. Bei unserem aktuellen „BMZ“-Projekt geht es um den Bau einer „Mittelschule“ in Botou, südlich von Bilanga im nordöstlichen Burkina Faso. Der Standort der Schule wurde vom örtliche Projektpartner vorgeschlagen, und dass die Schule gebraucht wird, ist offensichtlich. Die Schüler werden im Moment weit verstreut in Hütten, Garagen und Zelten unterrichtet. Der Bau von festen Schulgebäuden, Latrinen, eines Brunnens und Solarlichts ist ein Segen für die Region, für die Schulabgänger der Grundschulen der umliegenden Dörfer. Nach dem guten Start (das Schulgebäude ist fast fertig und der Brunnen ist gebohrt) geht es nicht weiter. Warum? Die Bevölkerung lässt sich nur schwer mobilisieren, die geforderte Eigenbeteiligung (Heranschaffen von Sand, Steinen und Wasser) erfolgt nur schleppend. Warum nur?

Erst das vertrauliche Gespräch mit dem Koordinator bei seinem Besuch im Deutschland liefert die Erklärung. Botou ist zwar der Hauptort der Gegend, hat sich aufgrund der Lage an der Nationalstraße (RN18) gut entwickelt, es gibt eine große Bevölkerungsentwicklung und damit viele Schülerinnen und Schüler, die die Primarschulen verlassen. Weiter hat die Schulbehörde schon vor Jahren das Dorf als Standort der regionalen Sekundarschule festgelegt. Sachgerecht meiner Meinung nach … Aber: Botou ist „Ableger“ eines anderen Dorfes, also der „kleine Bruder – le petit frère“ und hätte damit nie das CEG bekommen dürfen. Nach Ansicht der Bevölkerung und der Majestäten. Und somit helfen die Bewohner der umliegenden Dörfer halt nicht mit bei den Eigenleistungen, obwohl deren Kinder das CEG besuchen und das schöne neue Gebäude benutzen werden. So ein Streit könnte es siF „Pas des problèmes“ – Konfliktlösungen in Projekten 3cher auch bei uns geben. Anderseits aber auch ein wenig „typisch afrikanisch“ und bekannt.

Mit viel Sensibilisierung, Gesprächen und Motivation ist es den afrikanischen Projekt-Partner letztlich gelungen, die Eigenleistungen auch der umliegenden Dorfbevölkerungen zu mobilisieren. Es war allerdings notwendig, dazu die Führer aller religiösen Gemeinschaften, der Chefs, der Gemeinderäte und aller Gruppen und Organisationen einzubeziehen. Ein großer Aufwand?!.

Weiteres Beispiel: Vor zwanzig Jahren haben wir das Engagement auf das benachbarte Departement Bilanga ausgeweitet (auf Drängen des ded). Um die Projektarbeit möglich zu machen, wurde eine Dachorganisation gegründet, deren Mitglieder die „Basisorganisationen“ der zwei Departements sind. Ursprünglich wollten wird die zwei „Associationen“ zu einer zusammenzuführen: Um die Abwicklung zu vereinfachen. Dagegen sträubten sich die afrikanischen Freunde vehement. Dagegen sprachen ihrer Meinung nach die uralten Rivalitäten der zwei „Kantone“ mit ihren Chefs, den „Noblen“ und Menschen. Wiederum war Bilanga “le petit frère“, der kleine Bruder und überhaupt: „Wisst Ihr noch? Schon damals ….“. Bis heute schwelt dieser Konflikt, jeder fühlt sich benachteiligt. Jede Gruppe will mit uns direkt reden, nicht über die Basisorganisationen.

Für beide Vorgänge ließen sich auch Beispiele bei uns finden. Noch immer gibt es einen württembergischen und badischen Bauernverband, obwohl es das Bundesland Baden-Württemberg schon seit über fünfzig Jahre gibt. Der Streit darüber, wohin eine Grundschule kommt oder der Kindergarten und wer dafür zahlt, kennt jeder aus unseren Gemeinden.

Kurzum: Konflikte gibt es überall, wo Menschen zusammenarbeiten und ihre Interessen verfolgen. Eigentlich kein Problem. Zum Problem wird dies erst, wenn die Konflikte verdrängt oder nicht gesehen werden. Weil die Beziehung zwischen den westlichen Geldgebern und den Unterstützten nicht belastet werden sollen. Weil die afrikanischen Freunde diese in ihrer harmonischen Grundstimmung oder aus Rücksicht nicht ansprechen wollen, eben „pas des problèmes“.

Was hilft?

Foren und Möglichkeiten schaffen, wo konfliktträchtige Themen behandelt werden können, wie gemeinsame Workshops, Seminare oder Veranstaltungen aller Beteiligten. Zwischen Geldgebern und Projektmitarbeitern, ehrenamtlich Tätigen und den professionellen Mitarbeiter, der Dorfbevölkerung, denjenigen, die von der Hilfe letztlich ihren Vorteil haben. Dies gibt die Möglichkeit, die vorhandenen Konflikte zu benennen, Wünsche zu äußern, Beziehungen zu klären und sich auch über die reine Zusammenarbeit hinaus besser kennen zu lernen. Das Sprechen über Probleme muss explizit herausgefordert werden. In afrikanischen Gesellschaften scheint dies nicht immer einfach zu sein.

Sicher: solch ein Vorgehen kostet zusätzliches Geld. Das „sinnlos“, für „Quatschen“ zum Fenster hinausgeworfen wird, wie viele denken. Spendengelder, die mühsam gesammelt wurden! Es ist nicht immer einfach, eine solche Verwendung zu befürworten. Ein „atelier“, ein Workshop zwischen allen Partner, zwischen den Geldgebern und Projektmitarbeitern kommt aber sehr gut an, bringt Ansehen und Status. Das Wichtigste: hat Erfolg, wenn er gut gemacht ist. Das Umfeld sollte stimmen, die Location und die Umgebung. Dazu gehört selbstverständlich eine entsprechende Pausenbewirtung, Mittagessen und „Konferenzbewirtung“. Auch dies sieht man in Burkina nicht anders als hier. Ein Seminar in einem entsprechenden Tageshotel im Allgäu ist einfach „wertvoller“ als im verrauchten Nebenraum einer Gaststätte. Flipcharts, Pinwände und Beamer-Präsentationen, helfen bei der Visualisierung und dem Festhalten der Ergebnisse. All dies ist auch in Burkina Faso möglich. Wenn es nicht gerade einen Stromausfall gibt.⟃⇷. In Burkina Faso gibt es genügend geschulte Coaches und Seminarleiter/innen, die (Konflikt)- Seminare moderieren können.

Capacity Development

Dieses Vorgehen entspricht übrigens auch den Wünschen unserer(!) Geldgeber, von Engagement global, bengo und dem BMZ. In der Entwicklungszusammenarbeit gibt es dafür den Begriff des „Capacity Development“. Basierend auf der Annahme, dass nachhaltige Entwicklung nur von innen, also aus den Ländern selbst vorangebracht werden kann. Unsere Aufgabe dabei ist, unsere afrikanischen Partner in die Lage zu versetzen, Konflikte zu erkennen, zu benennen und produktiv in Projektarbeit umzusetzen. Also keinesfalls selbst tun, ein Machtwort sprechen, vorab entscheiden. Wie oft kommen wir in Versuchung, so zu agieren? Wenn es mal wieder zu langsam und zu umständlich voran geht, wenn nicht entschieden wird. Jeder, der Projekte umsetzt, kennt dies und hat so gehandelt. Es mag schneller, einfacher und effektiver sein, die Abrechnung und den Nachweis eines Projektes hier in Deutschland vorzunehmen. Dabei lernt der Partner jedoch wenig. Er geht den Konflikten aus dem Weg. Fehler werden nicht gemacht: Aus den Fehlern kann aber auch nicht gelernt werden. Auch wir lernen nichts daraus. Mut zum Konflikt, zur Langsamkeit, zum Loslassen, zur nicht „optimalen“ Lösung (unserer Meinung nach) ist angesagt. Mut zum Konflikt und dem Zulassen von Konflikten.

Damit „Pas des problèmes“ wirklich bedeutet: „Alles in Ordnung“

Erwin Wiest, Förderverin Piela-Bilanga

Erwin Wiest ist Vorsitzender des Fördervereins Piela-Bilanga, Ochsenhausen. Der gelernte Bauingenieur hat während seines Berufslebens im Personalmanagement gearbeitet, zuletzt als HR Business Partner.

Der Verein engagiert sich seit über 35 Jahren in der Provinz Gnagna 220 km nordöstlich von Ouagadougou. Schwerpunkt ist der Bau von Schulen und Brunnen. Darüber hinaus in vielen weiteren Projekten. Weitere Infos unter: www.piela.de