germanyC

 

Baobab_rgb2
burkinaC1
Titel

Mehr Gelassenheit und Zutrauen bitte

Das Wort «Entwicklungshilfe» ist für die Helfer tabu. Es wird politisch korrekt von Entwicklungszusammenarbeit gesprochen, weil Spender und Empfänger auf «Augenhöhe» verkehren würden. Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass es zwei gleichberechtigte Partner – Geber und Empfänger – gibt. Jeder, der in diesem Bereich tätig ist, weiß allerdings, dass dies ein Wunschbild ist. Afrikaner als Mündel zu betrachten, ist die unausgesprochene Geschäftsgrundlage der allermeisten Projekte. Vom Vorsatz, sich so bald wie möglich überflüssig zu machen, scheint nichts übrig geblieben zu sein.

Auf echte Veränderungen müssen die meisten Afrikaner noch lange warten, weil sich die Politiker darauf eingestellt haben, dass es ewig Hilfe geben wird. Meine Bilanz der Entwicklungshilfe ist nach fast sechs Jahrzehnten von dieser ungemütlichen Realität geprägt. Afrika leidet unter zu viel Betreuung. In Europa können sich Viele die Afrikaner nur als Hilfeempfänger vorstellen. In unserer Einstellung zu Afrika und den Afrikanern fehlt uns nicht nur Gelassenheit und Zutrauen, viel schlimmer, wir entmutigen sie mit immer neuen trügerischen Versprechungen. Es gibt viel zu viel staatliches Entwicklungshilfegeld. Allein aus Deutschland fließen derzeit jährlich 265 Millionen Euro in den Kongo (Kinshasa). Gebracht hat es bislang wenig. Dies liegt nicht nur an der schamlosen Selbstbereicherung der Eliten, sondern auch daran, dass es an funktionsfähigen Institutionen fehlt. Um es mit den Worten von Paul Theroux zu sagen: «Wonderful people, terrible government. The Africa Story.»

Mit unserem Dauermitleid verstärken wir nur eine Sozialhilfementalität, die in manchen afrikanischen Staaten schon chronisch ist. Wer eine ehrliche Standortbestimmung will, sollte davon sprechen, dass Hilfe immer noch nach den erbrachten Leistungen und nicht nach den Resultaten bewertet wird. Trotz guter Ausgangslage und der Tatsache, dass viele Länder seit ihrer Unabhängigkeit Liebling der Geber sind, zählen Länder wie Tansania aber immer noch zu den ärmsten der Welt.

Ich bin überzeugt, dass die bisherige Hilfsstrategie überwiegend schadet.

Afrika muss mit eigener Kraft wirtschaftlich vorankommen, nicht mit der ausgestreckten Hand. Seit Jahrzehnten wird Entwicklungspolitik mit gigantischem Personal- und Finanzeinsatz betrieben. Trotzdem werden nicht einmal annähernd die Minimalziele erreicht. Infrastruktur, Gesundheitswesen und Bildungseinrichtungen zerfallen. Ich bin überzeugt, dass die bisherige Hilfsstrategie überwiegend schadet und echte Emanzipation verhindert.

Die menschliche Würde gebietet aber, dass jeder Einzelne und jede Gesellschaft die Verantwortung für Entwicklung zunächst bei sich selbst sucht. Nur die Förderung von selbst initiierten Selbsthilfeprojekten spornt Eigeninitiativen an; sie gibt Hoffnung, bevormundet aber nicht. Ich habe beobachtet, dass durch übereifrige Hilfsmaßnahmen die Bereitschaft, selbst Initiative und Verantwortung zu übernehmen, zerstört wird, weil Zehntausende ausländische Helfer – die das Helfen zum Beruf gemacht haben – zu viel Verantwortung an sich ziehen. Verlassen sie ihren Einsatzort, bricht das Projekt in sich zusammen. Die Wohltätigkeitsaktivisten – es geht nicht um Katastrophenhilfe – verstärken damit Fehlentwicklungen und machen sich zu willigen Helfern autokratischer Regime. Denn afrikanische Führer können die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung auch oder gerade deswegen vernachlässigen, weil in Afrika praktisch alles, was unter die Fürsorgepflicht des modernen Staates fällt, von ausländischen Helfern übernommen wird.

Mit ungewohnt deutlichen Worten hat sich Nkosazama Dlamini-Zuma, Präsidentin der Kommission der Afrikanischen Union, geäußert: 97 Prozent der Entwicklungsprogramme innerhalb der afrikanischen Staatengemeinschaft würden von ausländischen Gebern finanziert. Der Kontinent müsse seine eigenen Ressourcen nutzen, um seine Entwicklungsagenda zu finanzieren. Das Votum der Präsidentin unterscheidet sich wohltuend von der sonst vorherrschenden Meinung, dass zu wenig Entwicklungshilfe geleistet werde.

Millenniumsziele werden nicht erreicht
Es war absehbar, dass die Millenniumsziele 2015 in der Subsahara-Region verfehlt würden. Trotz enormen Mitteleinsatzes, Konferenzen, Beratungen von «Experten» und Bürokraten wurde nur wenig erreicht. Bei der Armutsbekämpfung, die unter den Millenniumszielen ganz oben rangiert, fällt die Bilanz ernüchternd aus: Während Asien und Lateinamerika gerade hier gute Zahlen zu bieten haben, bleibt Afrika das Armenhaus der Welt. Öffentliche Debatten mit den Betroffenen – der Zivilgesellschaft – hat es kaum gegeben. Viele der drängenden Fragen wurden deshalb vernachlässigt: Förderung demokratischen Regierens, ungleiche Verteilung von Macht und Reichtum als Ursache für die Unterentwicklung, das starke Gefälle zwischen Stadt und Land, Maßnahmen für angemessene Arbeit. Die Armut in ländlichen Gebieten bleibt unvermindert groß. Die Ziele zur Verbesserung des Trinkwasserzugangs und der Hygiene wurden fast überall verfehlt. Noch immer sterben Millionen Menschen jährlich an den Folgen von Krankheiten, die durch verschmutztes Wasser übertragen werden. Das Beispiel Äquatorialguinea spricht hier für sich: Dank sprudelnder Ölquellen gehört das Land zwar zu den reichsten Staaten in Afrika, aber es fehlen die Mittel für eine generelle Wasserversorgung. Es wird die Bürger des Landes sicher freuen, dass ihr Herrscher 2015 den Karneval in Rio mit drei Millionen Euro sponserte.

Die Missstände behindern auch Fortschritte in anderen Bereichen, etwa bei der Ausbildung von Mädchen und Frauen. Denn Frauen sind in traditionellen Familien noch immer die Hauptverantwortlichen für die Beschaffung sauberen Trinkwassers.

Bei der Verabschiedung der Millenniumsziele im September 2000 sind die Entwicklungsziele unzulänglich und unzureichend formuliert worden. Das hat einen Grund: Sie wurden von Regierungen beschlossen, die eigentlich nicht agieren wollten.

Immerhin leben in westlichen Ländern wenigstens 800.000 Menschen von Entwicklungshilfe.

Die Millenniumsziele spielen nur noch eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung der Öffentlichkeit, immer mehr Mittel für die notorisch erfolglose Entwicklungshilfe bereitzustellen. Immerhin leben in westlichen Ländern wenigstens 800.000 Menschen davon. Sie haben ein großes Interesse daran, die Entwicklungshilfe aufrechtzuerhalten.

Afrikaner fühlen sich fremdbestimmt
Entwicklungshelfer sind Fremde, ihre Werte sind nicht jene der Bevölkerung. Entwicklungshelfer wissen in der Regel viel zu wenig über die Sozialstrukturen, Kulturen, Normen, Traditionen und die Mentalität in ihren Einsatzgebieten. Afrikanische Verhältnisse werden nur zu oft an westlichen Vorstellungen eines modernen Staates gemessen; dabei werden die ganz anderen historischen und soziologischen Voraussetzungen in Afrika missachtet. Dort ist beispielsweise eine von traditioneller Verwurzelung und moderner Erziehung und Bildung geprägte Doppelmentalität gang und gäbe. Dieser Gegensatz wirkt sich stark auf die Umsetzung von Hilfsmaßnahmen aus.

Es fehlt an Wissen und Verständnis, aber auch am realistischen Maß der angebotenen Hilfe. Statt einer sechsstelligen Summe für ein Projekt reichen in Afrika oft schon 10.000 Euro. Stattdessen wird mit unverhältnismäßigem Aufwand «gefördert» – mit gravierenden Folgen. Allein die Vereinten Nationen kosten die Überlappung von Programmen und die miserable Koordination ihrer Agenturen nach eigenen Schätzungen rund sieben Milliarden Dollar pro Jahr. Nichtsdestotrotz sind diese Missstände nicht Gegenstand einer dringend nötigen öffentlichen Debatte.

Die heutige öffentliche Entwicklungshilfe macht Afrika nach meiner festen Überzeugung ärmer.

Die heutige öffentliche Entwicklungshilfe macht Afrika nach meiner festen Überzeugung deswegen aber ärmer. Das erscheint widersprüchlich, bedenkt man, mit welchem Aufwand geholfen wird. Aber die Entwicklungshilfe macht arm, weil sie Abhängigkeit schafft. Sie kann nicht wirksam sein, weil dahinter der paternalistische Irrglaube steckt, dass die Hilfe der Reichen im Norden die Armen im Süden stärke. Dabei verkümmert jedoch die staatliche Innovationsfreudigkeit. Auch Benediktiner-Abtprimas Notker Wolf hat sich im Juli 2013 kritisch zur staatlichen Entwicklungshilfe geäußert. Der Fehler von Deutschland bestehe darin, «dass wir immer meinen zu wissen, was den anderen gut tut», sagte Wolf. Besser wäre es seiner Ansicht nach, zu fragen, was die Menschen in Afrika wirklich brauchen würden, vor allem, was sie selbst dafür tun könnten.

Wirkungsvolle kirchliche Entwicklungszusammenarbeit
Kirchliche Entwicklungsprojekte sind oft vorbildlich, denn sie unterstützen mit wenig Ressourcen, aber viel Engagement kleinere Partner. Nach meinen Erfahrungen in mehreren afrikanischen Ländern gibt es nachahmenswerte Beispiele von Hilfe seitens der Kirchen. Um nur eines zu nennen: Mehr als 1.200 Salesianer Don Boscos arbeiten in 42 afrikanischen Ländern gemeinsam mit jungen Menschen am Rande der Gesellschaft. Sie betreuen Jugendzentren, Grund- und weiterführende Schulen, Berufsbildungszentren und ländliche Entwicklungsprogramme.

Jugendliche sind gerade oft schlecht gerüstet, um der Armut zu entgehen. Dies gilt nicht, wo Kirchen Kindern Zugang zu Bildung ermöglichen und ihnen die Chance zum Lernen geben. Die kirchlichen Hilfswerke haben den Vorteil, dass ihre in die Entwicklungsländer entsandten Mitarbeitenden oft die lokale Sprache sprechen, sehr lange vor Ort tätig und daher mit Land und Leuten viel besser vertraut sind als staatliche Helfer, die in der Regel nur für wenige Jahre entsandt werden. Kirchen engagieren sich in Afrika vor allem im Bildungsbereich, in der Gesundheitsfürsorge und Nothilfe. In manchen Staaten sichern sie Grundbedürfnisse wie Bildung, Gesundheitsvorsorge und Sozialfürsorge – Bereiche also, in denen die Korruption besonders verbreitet ist und die für viele Staaten keine Priorität darstellen. Christliche Schulen und Universitäten zählen meist zu den besten des Landes. Kirchliche Gesundheitszentren sind nah an den Armen und ihrer Lebenswirklichkeit. Das medizinische Angebot ist häufig qualitativ besser als in staatlichen Einrichtungen. Da die Kirchen weniger Mittel zur Verfügung haben, überprüfen sie – wie die Untersuchungen der Universität Saarbrücken darlegen – ihre Arbeit intensiv und erfolgreich.
 

Wo könnte die Entwicklungszusammenarbeit Antworten liefern?
Ob unsere Hilfe taugt oder nicht, zeigt sich daran, inwieweit sie das Engagement der Afrikaner stärkt und sie dazu bringt, sich selbst um die Entwicklung ihres Kontinents zu kümmern.
Ein wichtiger Wohlstandsfaktor sind die Qualität der Schulen und Universitäten sowie die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Fachkräfte wie Ingenieure und Manager. Funktionierende Institutionen schaffen eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der Menschen einen Anreiz erhalten, sich zu bilden, zu investieren und Innovationen hervorzubringen. Da es aus meiner Sicht kein Problem in Afrika gibt, das nicht mit Bildungsarmut zusammenhängt, ist Bildungshilfe immer richtig.

Mit Eigeninitiative und Innovation lässt sich auch in Afrika weiterkommen. Nicht zuletzt ist der Zugang zu Informationen und Lernstoff in den Städten viel einfacher geworden. Deshalb sind die Lehrveranstaltungen der ETH Lausanne (wie ähnliche englischsprachige Programme von US-Universitäten), die kostenlos im Internet abgerufen werden können, eine konstruktive Initiative, die in den nächsten Jahren weiterentwickelt werden sollte. Diese Art von Studienförderung, die das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl der Menschen stärkt, ist eine echte Hilfe.

Die Entwicklungszusammenarbeit muss mittelfristig beendet werden
Die politischen Entwicklungen in Ländern wie Botswana, Ghana, Kap Verde, Mauritius, Namibia, Ruanda, Sambia, Senegal, Äthiopien sind erfreuliche Einzelfälle. Diese Länder sind Beispiele dafür, dass sich gute Regierungsführung zum Nutzen der Bevölkerung auswirkt. Die dortigen Eliten benennen Probleme und bieten Lösungen an, die mit der eigenen Politik erreicht werden können.

Ein solcher politischer Wille, transparente Rahmenbedingungen zu schaffen, sollte unterstützt werden. Aber die Initiative muss von Afrika ausgehen.

Wir dürfen den Afrikanern nicht mehr die Verantwortung für ihr eigenes Schicksal abnehmen.

Wir dürfen den Afrikanern nicht mehr die Verantwortung für ihr eigenes Schicksal abnehmen. Afrika kann sich nur selber helfen. Die Entwicklungshilfe sollte mehr als bisher unterstützend wirken. Hingegen sollte die Entwicklungszusammenarbeit nicht weiter als selbstverständlich hingenommen werden. Denn sobald wir helfen, projizieren wir unsere Vorstellungen davon, was gut und richtig ist, auf die Afrikaner. Wenn wir in Afrika Straßen, Brunnen, Brücken, Schulen, Spitäler und anderes bauen, bessern wir unsere Statistik auf, fördern aber nicht unbedingt die Entwicklung dieser Länder. Denn deren Infrastruktur zum Beispiel könnte auch ohne unsere Hilfe errichtet werden. Afrikanische Ingenieure sind dazu in der Lage. Auf dem Kontinent gibt es viele kluge, talentierte und ihr Land liebende Bürger, die sich heute mit der Rolle des Zuschauers abfinden müssen. Um ein Beispiel zu nennen: Im November 2014 präsentierte die Mailänder Triennale siebzig Bauten zeitgenössischer afrikanischer Architektur aus Afrika. Ein Blick in den Katalog hilft, Vorurteile abzubauen. Stattdessen stellt sich die Frage, warum Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika nach westlichem Vorbild bauen müssen. Afrikanische Architekten bevorzugen meist traditionelle Bauweisen, lokale Materialien und lokales Handwerk. Derartige eigene Initiativen geben den Leuten ihre Würde zurück, denn die meisten Afrikaner wollen etwas leisten und den Unterhalt für sich und ihre Familie selbst verdienen.

Was können wir tun?
Die internationale Entwicklungszusammenarbeit wird von einem geschlossenen Kreis sich selber bestärkender Organisationen bestimmt. Es fehlt an einer Kultur der Verantwortung in der Entwicklungshilfe. Beamte in der Hauptstadt und Entwicklungshilfegeber wissen oft nicht, was sinnvoll und notwendig ist für die Menschen, denen sie eigentlich dienen sollten.

Ein neuer Weg liegt in der Stärkung der Eigenverantwortung. Transparenz ist ein wichtiger Schritt hinzu: So sollten die Informationen über jedes einzelne Projekt öffentlich zugänglich werden, samt den Informationen zum wirtschaftlichen Zweck, zu den Kosten und Leistungen des Empfängerlandes. Die nichtstaatlichen lokalen Medien, die bis heute oft von den Informationen ausgeschlossen werden, könnten so zu aufmerksamen Beobachtern werden. Zugleich erhielten alle Beteiligten die Gelegenheit, ihre Beobachtungen und Meinungen einzubringen – ein wichtiger Schritt, der die staatlichen Behörden dazu verpflichten würde, auf die Wünsche, Bedürfnisse, Initiativen und Ideen der Bevölkerung einzugehen und sie so gut wie möglich zu erfüllen. Transparenz ist die Grundlage für Selbstbestimmung und Mitgestaltung; gleichzeitig ermöglicht sie breite Partizipation und beugt der Korruption vor.

Zugleich sollten alle Leistungen an überprüfbare Bedingungen geknüpft werden. Verständnis für Missstände, Korruption und Menschenrechtsverletzungen hat da keinen Platz. Dann ist Entwicklung möglich: Voraussetzung dafür ist eine echte Überzeugung, dass die Menschen willens und fähig sind, die Verantwortung für sich und ihr Land selbst wahrzunehmen.

Quelle: Volker Seitz in Hilfswerke im Wandel - Almanach Entwicklungspolitik 2015 / Perspektiven der Entwicklungszusammenarbeit, Caritas-Verlag Luzern, September 2015


Volker Seitz war zuletzt bis zu seinem Ruhestand 2008 Leiter der deutschen Botschaft in Jaunde (Kamerun). Sein Buch «Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann» erschien 2014 bei dtv in 7., überarbeiteter Auflage.

 Start   Aktuelles   Newsletters   Netzwerk   Adressen   Reisetipps   Information   INFO 1/17   INFO 2/16   INFO 1/16   INFO 2/15   INFO 1/15   INFO 2/14   INFO 1/14   INFO 2/13   Impfungen   Links   Satzung   Beitritt   Impressum