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Titel

Mit vier Koffern nach Afrika!

Bei FOCUS in Viernheim wird intensive Basisarbeit betrieben. Das fängt in den Grundschulen an. Wencke Zimmer schildert hier, wie sie es macht.

Es liegt viele Jahre zurück, dass ich Burkina Faso und andere westafrikanische Länder bereist habe. Die Begeisterung für diese Region und seine liebenswerte Bevölkerung ist aber über all die Jahre geblieben. Dass ich für den FOCUS-Verein heute Grundschulen besuche und dort mit den Schülerinnen und Schülern das Leben auf einem afrikanischen Dorf erarbeite, hätte ich damals nicht gedacht. Ich „reise“ also im Wechsel mit anderen Mitgliedern des Arbeitskreises Schule für drei Tage mit vier Koffern zu interessierten Grundschulklassen in unserer Region und in jedem Koffer finden sich viele Dinge, die die burkinische Lebenswelt für die Grundschüler erfahrbar machen.

Sag mir, wo ist Afrika?- Der erste Tag

Besonders schön ist es, wenn ich in eine Klasse komme, in der z. B. ein dekorierter Tisch auf Afrika einstimmt. Dann haben die Kinder Masken, geschnitzte Figuren oder Stoffe, Atlanten oder Bücher der afrikanischen Tierwelt von zu Hause mitgebracht und wissen schon, wohin die Reise in den nächsten drei Unterrichtstagen geht.

Nachdem ich mich und den FOCUS-Verein vorgestellt habe, beginnen wir auch schon mit der Frage nach dem Woher und Wohin. Mit dem Finger auf der Weltkarte suchen die Schüler Europa und Deutschland, ebenso wie das Land Burkina Faso auf dem afrikanischen Kontinent. Sie fliegen in Gedanken von Frankfurt über Paris in die Hauptstadt unseres Gastlandes, die diesen unaussprechlichen Namen Ouagadougou hat. Unter den vielen bunten Flaggen der Länder dieser Welt gilt es dann, die burkinische Fahne herauszusuchen und zu malen. Eine Originalfahne und eine Holzarbeit, die den afrikanischen Kontinent darstellt, finden sich unter anderem in meinem ersten Koffer.

Im Anschluss wird auf einem Arbeitsblatt ein eigener Koffer gepackt. Schnell wird klar, dass man für eine Reise nach Westafrika andere Dinge benötigt als für eine Urlaubsreise an die Nordsee oder in ein europäisches Nachbarland. Moskitonetz, Mückenschutz, Sonnenhut und Sonnencreme, auch die Taschenlampe und die Batterien sind schnell erraten, insbesondere wenn die Klassenlehrerin mit den Schülern parallel zu unseren Projekttagen das Buch „Meine Oma lebt in Afrika“ liest, in dem ein Junge mit Freund und Vater seine Oma in Ghana besucht. Dass wir aber unsere eigenen Trinkbecher und Müsliriegel im Gepäck haben müssen, braucht schon eine etwas längere Gesprächsrunde, in der schon viele für uns ungewöhnlichen Lebensumstände auf dem afrikanischen Dorf zur Sprache kommen.

„Angekommen“ in Burkina Faso, lasse ich von einer Schülerin und einem Schüler vorlesen, wie sich in Burkina Faso zwei Menschen begrüßen, wenn diese sich auf dem Weg zum Wasser holen oder auf dem Schulweg begegnen. Es wird ein sehr freundlicher und interessierter Umgangston gepflegt. Man fragt nach dem Schlaf, dem Befinden der vielen Familienmitglieder, nach dem Vieh und nach der Ernte. Dieses Hin und Her von immer wiederkehrenden Fragen macht Spaß und die Schüler bemerken: „So viel Interesse am Familienleben unserer Freunde wenden wir nicht auf, wenn wir uns morgens im Schulbus begegnen!“

Die Anreise von Ouagadougou – inzwischen können es fast alle Schüler auswendig sagen – nach Satonèvri war schon spannend.

Ein Stuhlkreis bildet den Abschluss des heutigen Tages. Aus dem ersten Koffer dürfen die Kinder große bunte Batiktücher aufhängen, auf denen Alltagszenen aus dem afrikanischen Landleben zu sehen sind. Mit viel Interesse und Fantasie finden die Kinder meist selbst heraus, dass das schwarze Knäuel auf dem Rücken einer Frau ein Baby ist, dass die schwarzen Striche auf dem Kopf die schwere Last von Feuerholz darstellt, dass Getreide gestampft, Wasser am Brunnen geschöpf, dass ein Baby gestillt oder Vieh in die Steppe getrieben wird. Auch ein Dorfältester unter einem Sonnendach ist zu sehen oder tanzende und musizierende Menschen. Die Schüler erkennen auch: Springseilspringen, Murmel- oder Steinchenspiele, Hinkekästchen, Klatschspiele, Fangen und Fußball sind international und sie freuen sich: „Wir würden uns bestimmt gut verstehen“.

Kind sein in Burkina Faso- Der zweite Tag

„Ein Kind ist ein größerer Reichtum als Geld.“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Mit den großen Unterschieden in der Kindheit hier und dort, von der Geburt bis zum Schulalter, beschäftigt sich unser zweiter Afrika-Tag. Die Schülerinnen und Schüler sollten sich zu Hause nach ihrer Säuglingszeit erkundigen. Auch bei uns erzählen manche Kinder von Komplikationen bei ihrer Geburt oder der Geburt eines Geschwisterkindes. Ihnen wird bewusst, was solche gesundheitlichen Risiken auf dem Dorf in Burkina Faso bedeuten. Kein Krankenhaus, nicht einmal einfachste ärztliche Hilfe ist hier im Notfall zu erhalten. Während wir für unser Baby zwischen Maxicosi, Bettchen und Kinderwagen wählen, ist der Platz eines Neugeboren für das erste Lebensjahr in Burkina ausschließlich das Tragetuch der Mutter. Kann es dann laufen, kümmern sich die älteren Geschwistermädchen oder auch Omas und Tanten um die Kleinen. Die Großfamilie lebt auf einem Gehöft, die Haus- und Feldarbeit obliegt den Mädchen und Frauen. Die Jungen hüten das Vieh und wenn sie Glück haben, dürfen sie zur Schule gehen.

Nun dürfen die Schüler in meinen zweiten Koffer schauen. Sie entdecken Babypuppen mit dunkler Haut und schwarzen Haaren, sowie einige leuchtend blaue Schuluniformen. Wer mag, kann nun ein Baby auf dem Rücken tragen und selbst eine Schuluniform anprobieren. Wir lesen nun noch einen Bericht von dem elfjährigen Jean Jaques Kaboré, der seinen Alltag beschreibt. Er und seine Geschwister haben trotz harter Arbeit oft nicht genug zu essen. Der Junge hofft, durch seine Schulbildung dieser Misere zu entkommen.

Durch Beamer und Fotomappen werden die Batikmotive vom Vortag und ein solcher Bericht lebendig. Die Fotos vom schlafenden Baby im Karton, von Kindern, die nur eine Garnitur schmutzige Kleider besitzen, Fotos von Kindern, die mit alten Batterien spielen oder aus Abfall kleine Fahrzeuge bauen, Fotos von der mühsamen Feldarbeit oder von den schweren Wasserkrügen, die weite Wege vom Brunnen nach Hause getragen werden müssen und ebenso Einblicke in den Schulalltag mit 60 bis 80 Schülern in einem Klassenraum, der nur mit dem Nötigsten ausgestattet ist, werfen viele Fragen auf: Warum sind die Lebensumstände so beschwerlich? Warum müssen die Kinder so hart arbeiten? Wie können wir den Kindern in Burkina helfen? Warum nehmt ihr von FOCUS nicht  Kleider, Spielzeug, Nahrung mit?“

Noch einmal erkläre ich, was der FOCUS-Verein tut, erkläre unsere Hilfe zur Selbsthilfe und warum uns die Entwicklung der Schulen so am Herzen liegt. Burkina Faso hat auch eigene Ressourcen, die genutzt werden müssen. Bildung schafft Selbstvertrauen und ein Beruf eine Existenzsicherung. Darum sind die Kinder in Satonèvri so stolz, in die Schule gehen zu können; das sieht man auf allen Bildern.

Es geht mir nicht darum, Mitleid zu erregen oder die Grundschulkinder direkt mit Armut und Elend zu konfrontieren. Es geht mir darum, Kultur und Tradition von Burkina Faso zu vermitteln, zu Solidarität anzuhalten und die Bereitschaft zu wecken, sich den eigenen Wohlstand bewusst zu machen und diesen zu teilen.

Wenn ich mit den Kindern ein afrikanisches Märchen lese, in dem es um die Kraft der Kinder geht, die einen bösen Vogel besiegen, der die Vorräte ihres Dorfes raubt, oder wir zu einer afrikanischen Melodie tanzen und singen, bemerken die Schüler, wie lebensfroh die Kinder auf dem afrikanischen Dorf sind und wie sehr sie sich für eine bessere Zukunft anstrengen.

Manch ein Kind hat nach so einem Schultag schon eine eigene kleine Spendenaktion gestartet. Es wurden zum Beispiel Äpfel gesammelt und verkauft, um die Wette gelesen, ein Flohmarktstand mit Spielsachen vor der Haustür aufgebaut oder Geld in der eigenen Familie gesammelt.

Wir kochen afrikanisch- Der dritte Tag

Am dritten und letzten Tag unseres Afrika-Projektes an Grundschulen können die Schülerinnen und Schüler den Alltag in der dörflichen Lebenswelt Afrikas spielerisch erfahren. Wir stellen mit unseren Arbeitsblättern einige Informationen über das landwirtschaftliche Leben, die Jahreszeiten, die Nutzpflanzen und Nutztiere in Burkina zusammen. In den Koffern Nummer 3 und 4 findet sich der komplette Hausrat einer afrikanischen Küche, incl. Hirse, Baumwolle und Kalebasse, alles Pflanzen, die es bei uns nicht gibt. Wir bauen eine Kochstelle nach, deren wichtigste Bestandteile drei große Steine und ein runder Topf sind. Nun können die Kinder alles selbst probieren und kommentieren: Hirse stampfen und Getreide mahlen. „Das dauert aber lange, bis beim Stampfen eine ordentliche Portion für eine große Familie zusammenkommt“! Dann Lasten auf dem Kopf tragen: „Dazu muss man aber sehr geschickt sein!“ Oder am „Brunnen“ im Treppenhaus Wasser schöpfen und einen vollen Wassereimer auf dem Kopf ein paar Schritte tragen „Das ist aber sehr schwer und sehr anstrengend!“ Wenn die Lehrerin es möglich macht, kocht sich die Klasse Hirsebrei und der wird am Ende gemeinsam verspeist, verfeinert mit Banane oder Mango, wie an einem Festtag in Afrika.

Viele Ausmalbilder mit dörflichen Szenen ergänzen die Gesprächsrunden und Arbeitsblätter der letzten Tage. Daraus hat jeder Schüler ein buntes Afrika-Tagebuch gestaltet. Einige Lehrkräfte ergänzen unsere Afrika-Projekttage durch Klassenlektüre, Bastelarbeiten oder eine Trommelstunde.

Unseren Einsätzen folgt dann in der Regel eine Spendenaktion der Klasse oder der Schule. Mit großem Eifer engagieren sich die kleinen Grundschüler hierbei noch einmal für die große Sache. Als Dankeschön und als Erinnerung an ihr Engagement erhält jede Klasse ein Bild aus dem Kunstprojekt von Lehrer Salif Kaboré.

Ich habe ebenfalls schon viele kleine und große Bilder- und Kartengrüße aus den Klassen erhalten, mit denen sich die Grundschüler für ein paar außergewöhnliche, interessante und spannende Schulstunden bedanken. Das macht Freude und bestärkt mich in meinem Engagement für den FOCUS- Verein.

Wencke Zimmer

Nähere Informationen: www.focus-viernheim.de/node/2076#attachements oder Sie kontaktieren direkt die Mitglieder des Arbeitskreises Schule: Helga Winkenbach (helgawinkenbach@gmx.com) oder Wencke Zimmer (wencke.zimmer@gmx.de).

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