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Titel
  • Vorsicht vor zu viel Caritas
    • Eine Anmerkung zu entwicklungspolitischer Zusammenarbeit in Afrika
    • Von Wolfgang Nieländer
    • Die Armut und die im Vergleich zu europäischen Verhältnissen bescheidene materielle Ausstattung der Bevölkerung der Entwicklungsländer sind überwältigend. Bei sozial empfindlichen Europäern ist der Schock so groß, dass er Schuldgefühle erzeugt und die spontane Bereitschaft, an der Beseitigung dieser unwürdigen Zustände mitwirken zu wollen. Die Bevölkerung der Dritten Welt ist dagegen von dem für ihre Vorstellungswelt unermesslichen Reichtum der Europäer wie geblendet. Die moderne Technik und Konsumwelt übt auf sie eine magische Anziehungskraft aus. Insbesondere die Oberschicht leitet ihr Selbstbewusstsein davon ab, in welchem Umfang es ihr gelingt, europäische Verhaltensweisen nachzuahmen und sich mit den Requisiten der europäischen Zivilisation auszustatten. Dabei ist Prestige wichtiger als die Funktion und die Form wichtiger als der Inhalt.
    • Das Interesse richtet sich auf die Übernahme der europäischen „Hardware", und zwar in ihrer modernsten und aufwändigsten Form. Die Übernahme der für die richtige Anwendung dieser Ausstattung erforderlichen „Software", der politischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen, tritt dagegen in den Hintergrund.
    • Zusammengefasst ergeben sich folgende Schlussfolgerungen:
    • - Nicht ausreichend kontrollierter Transfer von finanziellen Mitteln und technischer Ausrüstung in die Entwicklungsländer führt dort bestenfalls zum Aufbau von Kulissen. Das westlich anmutende Dekor darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entscheidungsprozesse nach anderen Spielregeln ablaufen.
    • - Die Gleichung „Mehr Geld gleich mehr Hilfe" geht in dieser einfachen Form nicht auf. Den Gebern mangelt es eher an sinnvollen Projekten als an Geld. Was so simpel aussieht, erweist sich in der Praxis als äußerst diffizile Angelegenheit. Die Bedeutung des Ressourcentransfers für den Entwicklungsprozess wird von Gebern und Nehmern in hohem Maße überschätzt.
    • - Reine Wohltätigkeit birgt das Risiko in sich, die Eigeninitiative und die Selbstverantwortung der Beschenkten zu untergraben, und zementiert Verhaltensweisen, die in den Entwicklungsländern ohnehin schon stark verbreitet sind. Der arglose Spender von Almosen ist bei Afrikanern Gegenstand belustigter Neugier und sieht sich in kürzester Zeit von Bittstellern aller Art umringt wie von einer Schar hungriger Raben.
    • Afrikanische Großstädte schäumen nicht nur über vor unbekümmerter Lebensfreude. Ihre Bewohner befinden sich vielmehr in einem ständigen Abwehrkampf gegen staatliche Willkür und gegenseitige Übervorteilung, einem Kampf, der mit großer Härte und ohne soziale Skrupel geführt wird und bei dem keiner der Akteure ernsthaft erwartet, dass gegebene Zusagen, bestehende Verträge oder Gesetze tatsächlich eingehalten werden.
    • Der in Gang befindliche Umbruch spiegelt sich auch in den ungeordneten politischen Verhältnissen wider. Die Öffentlichen Verwaltungen liegen wie eine schwere Bürde auf den Volkswirtschaften und drohen jede reguläre wirtschaftliche Aktivität zu ersticken. Es gibt genügend Beispiele dafür, wie ganze Länder dem Machtstreben und der Habgier einzelner Staatschefs zum Opfer fallen oder von einigen wenigen Familien ausgeplündert werden. Das Verhältnis zwischen Bürgern und Obrigkeit ist von tiefem gegenseitigen Misstrauen geprägt.
    • Auf diesem Humus hat sich in der afrikanischen Gesellschaft ein robuster Materialismus herausgebildet. Dabei hat Eigennutz Vorrang vor Gemeinnutz, Konsum vor Investitionen und Abräumen vor mühevoller Aufbauarbeit. In Abwesenheit allgemeingültiger Normen hilft sich jeder selbst, so gut er kann. Unter diesen Umständen sind die Spielräume für redlichen Gelderwerb und für den Aufbau von tragfähigen Strukturen begrenzt.
    • Kaum ein afrikanischer Arbeitgeber, der seine Arbeiter nicht nach frühkapitalistischer Manier ausbeutet. Kaum ein afrikanischer Arbeitnehmer, der loyal zu seinem Unternehmen steht. Kaum eine afrikanische Führungskraft, deren Eifer sich nicht in erster Linie darauf konzentriert, alle nur denkbaren Privilegien und persönlichen Vorteile abzuschöpfen. Und schließlich kaum ein Afrikaner, der die Regierung seines Landes hinter vorgehaltener Hand nicht mit einer Ansammlung von Raubrittern vergleichen würde.
    • Nach afrikanischem Selbstverständnis sind auf Eigennutz ausgerichtete Handlungsweisen legitim, dienen sie doch der Absicherung eines Lebensstandards, auf den man einen Rechtsanspruch zu haben glaubt. Diese Einstellung bestimmt nicht zuletzt die Beziehungen zu europäischen Geldgebern. Entsprechend niedrig ist die Hemmschwelle, einen mehr oder weniger großen Teil der Zuwendungen der eigenen Nutzung zuzuführen. Wo Europäer sich hintergangen fühlen, sind Afrikaner davon überzeugt, nur die ihnen zustehenden Ansprüche durchzusetzen. Dabei kommen auch unkonventionelle Methoden zur Anwendung.
    • Erhebliche Interessengegensätze zwischen Gebern und Nehmern
    • - Entwicklungspolitische Zusammenarbeit ist ein Wirtschaftsfaktor. Es hieße die Intelligenz und den Geschäftssinn der Afrikaner unterschätzen, anzunehmen, dass sie die Chancen und Möglichkeiten nicht erkennen, die sich aus der Vermarktung von Mitleid und Armut ergeben.
    • -Repräsentanten von Entwicklungsländern betrachten sich keineswegs als verlängerter Arm der ausländischen Geldgeber. Die erfolgreiche Wahrung eigener Interessen gegenüber den als übermächtig und anmaßend empfundenen Gebern gilt vielmehr als sportliche Herausforderung. Den Sieger nach Punkten erwartet respektvolle Anerkennung in den eigenen Reihen auch dann, wenn dieser nach Kräften in die eigenen Taschen gewirtschaftet hat.
    • - Es wäre unangemessen, sich über das eigennützige Verhalten der afrikanischen Gesellschaft selbstgerecht zu entrüsten. Schließlich werden nur Handlungsweisen verinnerlicht, wie sie durch das Bildungssystem, durch die Medien und durch persönliche Erfahrungen im Umgang mit Europäern nahe gebracht werden. Die Geber mögen derartiges Verhalten kritisieren. Sie müssen sich jedoch die Frage gefallen lassen, ob sie der Begehrlichkeit nicht durch ihr eigenes Auftreten und durch allzu unkritische Bewilligung von Projektmitteln Vorschub geleistet haben und ob sich ihre Politik nicht als negativer Anreiz für die Übernahme von mehr Selbstverantwortung ausgewirkt hat.
    • Die große Mehrheit der Bevölkerung in der Dritten Welt besitzt nur wenige echte Chancen für einen sozialen Aufstieg, die eigentlich Bedürftigen verfügen in ihren Ländern über keine starke Lobby. Um sie zu erreichen, bedarf es einheimischer Strukturen, deren Vertreter der Mittel- und Oberschicht zuzurechnen sind. Diese betrachten sich als eine Elite und orientieren sich in ihren Ansprüchen an europäischen Vorbildern.
    • Auf Seiten der Geber handelt es sich dagegen häufig um Personen mit ausgeprägtem sozialen Engagement und Idealismus. Sie neigen dazu, ihre eigene Motivation und Hilfsbereitschaft auf die Repräsentanten der Nehmerländer zu projizieren. Infolgedessen treffen die entwicklungspolitischen Angebote häufig auf Verhaltensweisen, die weniger von dem Grundsatz sozialer Verantwortung als von dem Streben nach kurzfristigen materiellen Vorteilen geprägt werden. Unter diesen Umständen kann es nicht überraschen, wenn entwicklungspolitische Maßnahmen, die nach den Denkmodellen der Geber konzipiert werden, bei der Übertragung auf afrikanische Verhältnisse einen beklagenswert niedrigen Wirkungsgrad aufweisen.
    • - Zwischen Gebern und Nehmern bestehen bezüglich der Ziele und Maßnahmen nicht unerhebliche Interessengegensätze. Der materiellen Überlegenheit der Geber und ihrem gelegentlich überheblichen Auftreten setzen sie Liebenswürdigkeit und bemerkenswertes diplomatisches Geschick entgegen.
    • - Der nur für einen kurzen Aufenthalt anreisende Besucher ist dem Feuerwerk afrikanischer Herzlichkeit und Eloquenz nahezu hilflos ausgeliefert. Ist es ihm doch fast unmöglich, die kunstvollen Inszenierungen zu durchschauen und noch weniger nachzuprüfen, zumal diese mit Charme und ohne Bosheit dargeboten werden. Welche Verwunderung, wenn sich liebevoll gehegte Projekte als Phantom herausstellen oder wenn die Spender erfahren, wie häufig ein und dasselbe Vorhaben von mehreren Geldgebern gleichzeitig finanziert worden ist.
    • - Der Begriff der partnerschaftlichen Zusammenarbeit in der Entwicklungspolitik ist eine euphemistische Umschreibung eines Idealzustandes, der in der Praxis nur selten erreicht wird. In der Wirklichkeit an Ort und Stelle reduziert sich die partnerschaftliche Zusammenarbeit allzu oft auf das verzweifelte Bemühen, entwicklungspolitische Maßnahmen vor der Begehrlichkeit des einheimischen Establishments und gegen dessen Vorwürfe der unerwünschten Einmischung zu verteidigen, oder aber auf die pragmatischen Aufforderungen der Nehmer nach der Formel: „Gib mir, bring mir, schenk mir."
    • Entwicklungspolitische Zusammenarbeit ist ein schwieriges Unterfangen und eignet sich kaum zum Nachweis kurzfristig messbarer Erfolge. Es erscheint auch wenig sinnvoll, in Afrika auf der Einführung bestimmter Arbeitsmethoden und Organisationsformen nur deshalb zu bestehen, weil sich diese im europäischen Umfeld bewährt haben. Wer mit missionarischem Eifer versucht, eigene Vorstellungen auf die Nehmerländer zu übertragen und aus einer vermeintlichen Position der Stärke deren Einführung zu erzwingen, erreicht leicht das Gegenteil von dem, was er eigentlich bewirken wollte.
    • Wie tief die Gräben gegenseitiger Missverständnisse inzwischen sind und wie schwer es den Gebern trotz bester Absichten fällt, Missstände zu beseitigen, ohne dabei den ausgeprägten Sinn der Nehmer nach Wahrung ihrer Würde und ihrer Selbstachtung zu verletzen, wird an dem Einsatz der Vereinten Nationen in Somalia deutlich. Solange einheimische Eliten die Leiden ihrer Landsleute zur Befriedigung ihres persönlichen Ehrgeizes und als Quelle privater Bereicherung missbrauchen, wird es kaum möglich sein, nennenswerte Fortschritte zu erzielen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Weltgemeinschaft mit den Reparaturen an zerstörten politischen und wirtschaftlichen Ordnungen überfordert ist.
    • Mit weniger Mitteln mehr bewirken
    • Mit Zurückhaltung zu beurteilen sind Aufsehen erregende Großprojekte, auch wenn diese dem Prestigebedürfnis der Nehmer am besten entsprechen und auch wenn die Geber diesen unter dem Gesichtspunkt des Mittelabflusses durchaus positive Seiten abgewinnen können. Häufig bewirkt weniger mehr als viel, und häufig wiegen die sozialen Beziehungen, in die eine Kooperation eingebettet ist, für deren Erfolg und Misserfolg schwerer als ihre materielle Ausstattung. Mit Entschiedenheit abzulehnen ist eine Entwicklungspolitik, die sich zum Komplizen einer indifferenten einheimischen Oberschicht macht und in direkter oder indirekter Form durch Stabilisierung wirkungsloser und unfähiger Strukturen den Reformprozess in den Entwicklungsländern untergräbt.
    • - Die reformerischen Kräfte in den Entwicklungsländern wünschen sich von den Gebern mehr Selbstbewusstsein und Festigkeit im Umgang mit den jeweiligen Regierungen und dass sie nicht der Versuchung erliegen, sich deren Wohlwollen aus politischem Opportunismus zu erkaufen. Wer die tatsächlich Bedürftigen und die entwicklungspolitisch interessanten Zielgruppen erreichen will, wird kaum umhinkönnen, zu einigen Regierungen von Entwicklungsländern auf Distanz zu gehen.
    • - Die Verantwortung für den politischen und wirtschaftlichen Kurs der Entwicklungsländer lässt sich letztlich nicht durch externe Maßnahmen ersetzen. Die entscheidenden Schritte für eine nachhaltige Verbesserung der Situation müssen deshalb von den Entwicklungsländern selbst kommen. In Zukunft sollte es darum gehen, von den einheimischen Eliten mehr Ernsthaftigkeit zu verlangen und entwicklungspolitische Maßnahmen von günstigeren Rahmenbedingungen abhängig zu machen.
    • - Der langfristige Erfolg entwicklungspolitischer Maßnahmen hängt weniger von dem finanziellen Volumen ab als davon, inwieweit es gelingt, das entwicklungspolitische Instrumentarium von seinem Ansatz her leistungsfähiger zu gestalten, und zwar ohne die einheimischen Strukturen zu überfordern oder zu demütigen. Bei sorgfältiger Prüfung würde man feststellen, dass die finanziellen Mittel, die für entwicklungspolitische Maßnahmen zur Verfügung stehen, eher zu großzügig als zu niedrig bemessen sind.
    • Der Autor, Diplom-Kaufmann, seit mehr als zehn Jahren in verschiedenen Ländern Afrikas bei der Verwirklichung von Entwicklungsprojekten mitwirkend, hat diesen Bericht auf Anregung einer deutschen Nichtregierungsorganisation verfasst. Er legt Wert darauf, gegenüber all denjenigen Afrikanern und Afrikanerinnen seinen Respekt und seine Anerkennung zum Ausdruck zu bringen, die trotz widriger Umstände ihren Lebensunterhalt durch harte und ehrliche Arbeit verdienen.
    • Wolfgang Nieländer (am 28. Mai 1994 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“)
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