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    1995 -2015  

 

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25 Jahre DBFG

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Titel
Der ausblutende Kontinent

Warum fragt niemand Afrikas Staatsführer, weshalb sie außerstande sind, Verantwortung für ihre Bevölkerung zu übernehmen?

Weder den entrückten afrikanischen Machthabern noch der Afrikanischen Union (AU) ist der tausendfache Tod im Mittelmeer besonderen Aufhebens wert. Warum fragt niemand Afrikas Staatsführer, weshalb sie außerstande sind, Verantwortung für ihre Bevölkerung zu übernehmen? Vielen afrikanischen Autokraten sei es schlicht egal, ob ihre Bürger im Meer ertrinken würden, sagte der kenianische Publizist Koigi Wamwere. "Sie sind weder am Allgemeinwohl interessiert noch daran, die Lebensumstände ihrer Bürger zu verbessern, sie wollen sich nur bereichern", ergänzt der Ex-Minister, der für seine kritischen Überzeugungen in Kenia elf Jahre im Gefängnis saß.

Die Autokraten, die ihr Mandat nicht als Auftrag auf Zeit, sondern als Lebensaufgabe betrachten, glauben offenbar, dass sich die Zustände in ihren Ländern durch Ignorieren aus der Welt schaffen lassen. Warum lädt die Afrikanische Union angesichts der dramatischen Entwicklungen im Mittelmeer nicht zumindest jetzt zu einem Sondergipfel, um die Notlage vieler Afrikaner zu debattieren? Die Afrikanische Union muss sich mit den Verhältnissen beschäftigen, die Menschen zur Flucht Richtung Mittelmeer treiben. Dann müssten sie allerdings über den eklatanten Mangel an Perspektiven und Hoffnungen für viele der jungen Menschen, die fast überall in Afrika ausgebremst werden, reden und feststellen, dass die herrschenden Klassen in Afrika ihre Länder schlecht regieren und keine Politik entwerfen, die den essentiellen Bedürfnissen vieler Menschen genügt.

Erst wenn afrikanische Staaten eine eigene Dynamik entfalten und die für einen Rechtsstaat nötigen Institutionen bauen, werden die Flüchtlingsströme vielleicht wieder kleiner.

Wir werden die Probleme Afrikas nicht lösen können. Eine Jahrzehnte währende Entwicklungspolitik hat das bis heute nicht vermocht. Unsere Entwicklungshilfe beruht auf dem Trugschluss, wirtschaftlicher, sozialer Fortschritt sei möglich ohne politische Entwicklung. Es gibt eine Reihe möglicher konkreter Maßnahmen, die zur Linderung der Probleme beitragen könnten. Die tief verwurzelte Kultur der Korruption, die feudal anmutenden Machtstrukturen, die vor allem den eigenen Reichtum maximieren, die bedrückende Bürokratie und die Missachtung des Rechts halte ich für die Grundlage der Misere. Ein Land kann sich nur entwickeln, wenn es ordentlich regiert wird.

Alle Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass man von außen keine im Elementaren funktionsfähige Staatlichkeit aufbauen kann. Wir müssen in diesen Ländern öfter bereit sein, den Hahn zuzudrehen, wenn Dinge schief laufen. Wir sollten uns auch nicht mehr mit hunderten von Projekten verzetteln. Wie Länder erfolgreich sein können zeigen z. B. Botswana, Kap Verde, Namibia, Mauritius, Ruanda, und Senegal. Dort wurde erkannt, dass auch die breite Bevölkerung eine gute Schulbildung und solide Ausbildung braucht, wenn das Land als Ganzes vorankommen will.

Die Flucht der Talente aus Afrika schadet dem Kontinent

Dass die "Migration den Politikern sogar gelegen kommt", wie einige meiner afrikanischen Bekannten meinen, ist sicher nicht ironisch gemeint. Da es die Unbequemen sind, sehen Afrikas Herrschende sie nur zu gerSeitzne ziehen. Präsident Paul Biya (ununterbrochen seit 33 Jahren an der Macht) hat zu meiner Zeit als Botschafter in Kamerun gar öffentlich das Recht auf Migration nach Europa gefordert.

Wer geht, geht häufig für immer. Das kommt die Länder mittelfristig teuer zu stehen. Viel wichtiger als weitere Entwicklungshilfe wäre Druck auf die autoritären afrikanischen Staaten, damit die Jugend ihre Länder nicht mehr verlassen muss. Sie suchen bessere Chancen im freiheitlichen Rechtsstaat und wirtschaftlichen Aufstieg im vielgescholtenen Kapitalismus. Sie kommen aus halbfeudalen, clanmäßigen, korrupten Strukturen heraus in ein Leben mit einem durch Aufklärung geprägten Staat. Seit zwanzig Jahren emigrieren z. B. afrikanische Ärzte vor allem nach Europa, USA, Kanada, Australien, Neuseeland, in die Länder des Golf oder nach Südafrika. Etwa 30 Prozent der afrikanischen Ärzte haben ihr Heimatland verlassen. Nach dem Studium kehren nur 10 Prozent in ihr Land zurück. Es gibt mehr Ärzte aus Sierra Leone in Chicago als in ihrer Heimat und mehr als 20.000 nigerianische Ärzte in den Vereinigten Staaten. 95 Prozent der angolanischen Ärzte sind in Portugal. Während die Weltgesundheitsorganisation einen Arzt für 1000 Bewohner empfiehlt. Sind es in Mosambik 1 zu 38.000, in Ghana 1 zu 17.000 und 1 zu 13.500 in Kamerun. In Kenia und Tansania sind bis zu 60 Prozent aller Stellen im Gesundheitsbereich unbesetzt. Gründe für die Auswanderung sind ein neues Verständnis von Freiheit, schlechte Arbeitsbedingungen und Bezahlung, verfallende Krankenhäuser und Bildungseinrichtungen.

Die Zeitbombe tickt

Die Jugendarbeitslosigkeit in den afrikanischen Ländern ist die höchste in der ganzen Welt. Stabilität wird es in Afrika nicht geben, solange diese Menschen keine Arbeit finden. Ohne ein Mindestmaß an Rohstoffveredelung und produzierendem Gewerbe dürfte es in Afrika kaum eine industrielle Revolution nach dem Vorbild Asiens geben. Qualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze bei der Veredlung entstehen woanders. Der Wohlstand geht so an den meisten Menschen in Afrika vorbei. Korruption, Arbeitslosigkeit und das starke Wohlstandsgefälle zwischen den Städten und dem Land sorgen dafür, dass Millionen von Afrikanern auch in den über 20 reichen Ländern in Armut leben. Länder, die, wie Äthiopien und Ruanda, Wachstum auf der Grundlage eines florierenden Agrarsektors aufgebaut haben, haben gezeigt, dass dieser als ein starker Katalysator für integratives Wachstum und Armutsminderung fungieren kann. Das große Potential der afrikanischen Länder in den Bereichen Land- und Fischwirtschaft, in der Forst- und Viehwirtschaft könnte für verarbeitende Industrien, für die Exportwirtschaft genutzt werden, um neue Arbeitsplätze zu schaffen und die Armut zu vermindern. Afrika importiert heute Nahrungsmittel von über 30 Mio. Euro statt agrarische Rohmaterialen in den jeweiligen Ländern zu verarbeiten.

Die Unzufriedenen, die reale Veränderungen wollen, werden sich in nicht allzu großer Ferne kraftvoll zu Wort melden.

In Afrika hat ein Brain drain eingesetzt, angetrieben von der Überzeugung, die besten Arbeitsplätze des Landes seien jenen mit den besten Beziehungen vorbehalten. Neben den Armutsflüchtlingen gibt es eine nicht zu leugnende Emigration von Fachkräften. Die Flucht der Talente kommt die Länder mittelfristig teuer zustehen. Der schmerzliche Aderlass in den ausblutenden Ländern bedeutet, dass sie noch weniger den Anschluss an das besser gestellte Europa finden werden. Der Kontinent verliert nicht nur seine wenigen Facharbeiter, Techniker, Ärzte, sondern auch engagierte und leistungswillige junge Menschen. Erst wenn afrikanische Staaten eine eigene Dynamik entfalten und die für einen Rechtsstaat nötigen Institutionen bauen, werden die Flüchtlingsströme vielleicht wieder kleiner.

Kein Sonderstatus mehr für afrikanische Autokraten

In dem Bericht der Pariser Nationalversammlung vom Mai 2015 über die zwanzig frankophonen Staaten Afrikas steht: "Unser Land hat sich bisher von der Klasse dieser Machthaber (die wir immer unterstützt haben) nicht distanziert und sie hat vor allem keinen Kontakt zu der jungen Generation, die das Afrika von Morgen schaffen wird.”

Auch wir werden uns deutlicher positionieren müssen. Es reicht nicht, mit Appellen sorgenvolle Miene zum bösen Spiel zu machen und einfach weiter Entwicklungshilfe zu gewähren, wobei von vornherein bekannt ist, dass es keine Reformbereitschaft, unternehmerische Initiativen, effiziente Verwaltung und Gerichtsbarkeit gibt. Die Bildungsmisere ist die Ursache der Probleme vieler afrikanischer Staaten, weil die Regierungen nicht in die menschlichen Fähigkeiten investieren. Sie verweigern ihren Bürgern einen gerechten Zugang zu Bildung und Gesundheit. Das Recht auf vollwertige Bildung symbolisiert berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, den Schutz vor Ausbeutung, die Chance sich zu emanzipieren, die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln und eine Grundlage zu schaffen für ein besseres Leben. Die Unzufriedenen, die reale Veränderungen wollen, werden sich in nicht allzu großer Ferne kraftvoll zu Wort melden.

Kein Land hat das Recht, Zustände zuzulassen, die die Bevölkerung zur Ausreise drängen. Es gilt also: maximaler diplomatischer, politischer und wirtschaftlicher Druck ist erforderlich. Den afrikanischen Autokraten sollte nicht weiter ein Sonderstatus eingeräumt werden, der scheinbar jegliche Kritik verbietet. Die Frage, ob das viele Entwicklungsgeld in solchen Staaten sinnvoll verwendet wird, darf nicht weiter verpönt sein.

Quelle: Volker Seitz in ipg-Journal vom 31.05.15

Volker Seitz war zuletzt bis zu seinem Ruhestand 2008 Leiter der deutschen Botschaft in Jaunde/Kamerun. Sein Buch “Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann” erschien 2014 bei dtv in 7. überarbeiteter und erweiterter Auflage.

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